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2000 - XV

Godot wartet auf Star Wars
oder: Schau' mir in die Augen, kleines Casablanca!

Alles begann damit, dass jemand gestorben war.
Er beschloss, es nicht wahr haben zu wollen,
zu warten, bis ein anderer ihn finden würde.
Am Freitag wäre es soweit, das wusste er.
Die Gewissheit trübte den blauen Himmel ein.
Er stand auf der Veranda
und sah auf die weißen Flachdachkasernen,
die sich im Licht des Sonnenuntergangs rötlich abfärbten.
Die meisten Markisen waren heruntergelassen, Südausrichtung.
Casa blanca, dachte er beim Anblick, Casablanca.
In der Bar hinter ihm lief der überdimensionale Fernseher, Star Wars,
die erste Episode.
Soeben rumpelte ein Pseudoroboter durch die tunesische Wüste.
Ausgelassene Wochenendstimmung entwich der Bar ebenso wie der Zigarettenrauch.
Die Leute waren gut gelaunt und seltsam desinteressiert.
So sah niemand das schwarze Dreieck, das scheinbar langsam
an den Fenstern der Lokalität vorübergeglitten war,
um unendlich wie ein sterbender Vogel auf einem Dachvorsprung
an der Ecke gegenüber zu landen.
In Wahrheit musste die Geschwindigkeit sehr hoch gewesen sein,
zu hoch um die Annäherung und den Anflug zu bemerken.
Unbeweglich lag es da, Licht in seinem Inneren war ersichtlich.
Es spähte die Umgebung aus und übermittelte Botschaften.
Bald sollten sie mit ihren pfeilschnellen Motherboards diesen Planeten überfluten.
Zuerst würden sie die menschlichen Urbanisationen kontrollieren und besetzen.
Nur in den kleineren Orten könnten sich die Menschen noch aufhalten.
Alles hing davon ab, den Späher daran zu hindern, Informationen zu sammeln und zu übermitteln.
Denn sie waren für menschliche Begriffe blind, die Gesandten von Godot.
Ohne Koordination und Ziel für ihre Angriffe liefen ihre Besetzungspläne ins Leere.
Sie würden die Sonne ins Visier nehmen und darin verbrennen.
Er wollte das alles nicht. Der Fernseher mußte repariert werden und zwar bis Freitag.

Während er sich zum Eingang der Bar bewegte, befand sich der Roboter in einem Lager für Maschinenschrott,
wohin ihn die Wüstenbewohner gebracht hatten.

Jemand schlug im schmerzhaft auf die Oberschenkel und meinte:
Du bist Buchhändler!
Ale er erwiderte, er sei Redakteur, rief der Saal: das paßt nicht.
Offensichtlich war er in ein heiteres Beruferaten hineingeraten.
In der Tat, die Wächter Godots zeigten unerbittlich ihre Präsenz.
Wozu sollte er den Späher ausschalten?
Sie existierten bereits und bestenfalls konnte deren Arbeit als unauffällig bezeichnet werden,
so dilettantisch die Verkleidung aussah.
Auf den Straßen wechselten sie manchmal die Gesichter.
Luke Skywalker, Du mußt weite Wege gehen, um Vertrauen zu finden
und ein echter Jedi-Ritter zu werden.
Wenn er nicht aufpaßte stieß er mit den Junks zusammen oder trat in deren Spritzen.
Ab und zu glaubte er, die schnellen Schatten über sich zu sehen,
sehnte sich nach einer dunklen, unsichtbaren Umarmung., wenn es kein Licht gab.
Die Schatten Godots jagten ihn, es drängte ihn , den Reparaturdienst zu bestellen.
Unisono erklärten ihm die Werkstätten,
es lohne sich aufgrund der Beschreibung des Defekts der Aufwand nicht.
Er müßte es selbst erledigen oder einen neuen kaufen.
Am Freitag gab es wieder das Programm, niemand registrierte seine Rückkehr in die Bar.
Die Roboter hatten sich gegenseitig repariert und suchten ihren Herrn.
Auf dem Balkon versammelten sich Menschen und er blickte auf sein Casablanca.
Eine schwarze Umarmung ließ es ihn ahnen, der Platz des Spähers lag in wohliger Leere.
Das Warten hatte ein Ende.

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