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2000 - XII

Oase


Die größten Sehnsüchte erfüllen sich nicht, weil die Sehnsucht die Nahrung unserer Gedanken ist.

Selem, Sahib, scheinen die Steine zu grinsen, so sehen wir uns wieder.
Er hatte es gewagt, nach einem Jahr zurückzukehren. Die Beschreibung des Ortes gab ihm Hoffnung,
dass er nicht in der Wüste landen würde, doch diese ging nicht auf.
Gewiss, es war nicht die Sandwüste und eher die Steinwüste.
Angereichert mit den Überresten der modernen Zivilisation bildete diese die Verbindung zwischen den
geweißten und vielen unverputzten Privathäusern und den Hotelpalästen.
Aber da war auch grün zwischen all dem Stein: Eukalyptusbäume, Feigenbäume, Palmen und Gummibäume etwa. Der Rasen der bewässerten Hotelparks vermittelte das Gefühl von "zuhause im eigenen Garten" und beruhigte. Der Garten gedieh sogar prächtig, denn viele bekannte Pflanzen zeigten sich in einer anderen Größe als gewohnt. Nur der Sand am Sahelstrand erinnerte noch an die Wüste.
Angereist war er mit einem dieser bemalten Metallvögel, eingekeilt auf dem Mittelsitz zwischen seiner Frau
und einer unbekannten Reisenden. Die Ankunft in der Gegenwart verdeutlichte den Unterschied zur Vergangenheit. Er hatte gebucht und nichts besseres verdient.
Schon das vierte von verschiedenen, im Grunde gleichen, Varianten eines Raums wählte er als das kleinere Übel aus. Immerhin, ein Page trug die Koffer und er entlohnte ihn sogleich. Der Herr des Hauses empfing ihn nicht.
Die Speisen servierte niemand, sie lagen stattdessen zu bestimmten Zeiten zum Verzehr bereit.

(Die Ungläubigen liefen seit ihrem Einfall lärmend und Löffelwerfend um die Stelle herum. Sind die Gläubigen deshalb besser?)

Schattige Plätze erwarteten ihn nur nach vorheriger Reservation.
(Die Ungläubigen werfen als Zeichen der Besitznahme Handtücher morgens nach Sonnenaufgang auf die Liegeplätze. Dafür zahlen manche sogar unaufgefordert ein kleines Entgeld. Damit werden sowohl Sitzplätze im Speisesaal als auch am Strand reserviert. Die Europäer haben sich somit der arabischen Art zu handeln, unterworfen. Sie gestehen es sich selbst noch nicht ein.)

Die Palmen wedelten melancholisch dazu.
Beim Strandspaziergang stieß er eines Tages auf ein bemaltes Schild: Kamelkarawane.
Für Geld gibt es auch Kamele, er mietete eines der Tiere für einen längeren Ausritt.
Der letzte Stein grinste: Selem, Sahib. Von da an gab es nur noch Sand.
Als im fernen Land des Südens eine einsame Palme auftauchte, wusste er, dass seine Heimat ihn mit klarem Wasser aus dem artesischen Brunnen und süßen Datteln ernähren würde.



Er begehrte weiter nichts und beschloss, dass es ihm an nichts fehlen werde, von nun an.

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