Freitag, 31. August 2012

Gold - II

Die Bilder kannst Du haben.
Schwarzweiße Gesichter blickten ihn an, eines davon war er selbst. Das Familienalbum, es ist somit aufgelöst. Er löschte seine Erinnerungen damit nicht. Vielmehr erschien ihm das Ganze wie ein durchlaufender Posten. Geradeso wie ein Doppelparker beim Weiterverkauf und ohne Verlust. Früher wäre es ein Traum gewesen, all das zu bekommen, nun ist es ein kümmerlicher Rest Vergangenheit. Zeit für Pappkartons und Bilderrahmen.

In einem solchen war ein Mann mit zwei Frauen in Skianzügen zu sehen, das Foto mit einem Selbstauslöser entstanden. Da konnte man noch was mit ihm machen, sagte die eine kalt und blickte auf das Foto.
Ein schöner Skiort war das damals. Nein, er wollte heute nicht auf den Berg. Die Schweizer Alpenmilch erledigte dafür ihren Aufstieg in seiner Speiseröhre.
Er kehrte um, die Skischuhe geöffnet und die Ski geschultert.
Die Einheimischen wenigstens zollten ihm Respekt und wollten wissen, wie der Schnee auf dem Berg sei. Gut, na sicher, er trollte sich vorsichtshalber. Verbrachte schwitzend den Aufstieg ins Dorf zurück mit dem Gedanken, was er hier mit diesem Tag anfangen sollte.

Iß noch ein Stück, er konnte nicht mehr.

Donnerstag, 30. August 2012

Gold - I

Streusel prasselten auf den Teller, als er in den Kuchen biss. Wie kleine Goldkugeln lagen sie da. Leider ist ein frischer Kuchen vom Blech ein seltenes Ereignis. Das hier war offensichtlich ein frisch gekaufter. Frisch gesiebte Nuggets, der Rest ist gegessen.
Nein, er wollte nicht noch mehr Stücke. 
In einem nach kaltem Zigarettenrauch riechenden Jutebeutel lagerten die eigentlichen "Goldstücke" des Tages. Die Reste einer Modelleisenbahn: Gleise, Weichen, Signale, Drähte, eine Diesellok, eine Dampflok und ein Triebwagen. Die müssen alle geölt werden, sie quietschen. Das Gehäuse des Triebwagens ist locker.
Alle Güterwagen und ein Personenwagen 1. Klasse fehlen.
Und da liegen noch diese Bilder aus vergangenen Zeiten. 
Vor über dreißig Jahren fragte sich ein Junge am Heiligabend, ob das wohl alles wäre, was er vom sogenannten Weihnachtsmann als Geschenk bekommen hatte.     
Er hatte die Arbeit, die das Aufschrauben der Gleise auf die bemalte Holzplatte, das Verlegen der Leitungen und die gesamte Montage bedeuteten, falsch eingeschätzt. Vater hatte mit einem Arbeitskollegen alles selbst gemacht.
Ein paar mehr und kleinere Geschenke wären ihm lieber gewesen damals.
Als ob ich schon ahnte, dass dieses Geschenk mir nicht allein gehören würde.
Mein Brüderchen war noch zu klein, um sich am Spiel zu beteiligen.
er sollte jedoch später umso höheres Interesse daran entwickeln. 
All diese Anstrengungen steckten in dieser Eisenbahn. Zwei Gleisrunden auf einer flachen Platte, mehr war das nicht. Da half es auch nicht, dass der Triebwagen bei rot stoppte, die automatische Weiche funktionierte und das in der Kirche bei Bedarf eine Klingel die Glockenfunktion übernahm.
Ein Tunnel war die einzige Möglichkeit, den Triebwagen verschwinden zu sehen. -

Er hatte in der Realität dieses Schauspiel des Verschwindens und Wiederauftauchens von Zügen sooft bewundert. Die Dampfloks, die vom Kasseler Hauptbahnhof kamen, mussten unter der Straßenbrücke am Tannenwäldchen hindurch. Der Dampf verschwand vor der Brücke und tauchte danach wieder auf. Er bemerkte nicht, wie er vor Spannung das rostige Brückengeländer umklammerte. Mit roten Händen lief er immer nach einiger Zeit nach hause.

Mittwoch, 29. August 2012

Der Ort am Meer

So selbstverständlich in Polen die Eingliederung Kolbergs als polnische Stadt angesehen wird und so verständlich die Freude über die erste Stadt am Meer für die Polen ist, die Stadt hat nun mal auch eine deutsche Geschichte. In ihr lebten meine Vorfahren väterlicherseits, abstammend von Julius Dreyer sen. sind dies die Gebrüder Johannes und Julius Dreyer mit ihren Familien und der später nach Kassel verzogene weitere Bruder Kurt Dreyer, außerdem auch die mit ihnen befreundete Familie Fabricius mit Anhang.


Doch nun zur Geschichte Kolbergs:  

Die Stadtbeschreibung Kolberg nach Neumann 1894 sagt dazu folgendes:

Stadt an der Persante (3 km von deren Mündung in die Ostsee); ...Bahnhof der Linie Belgard-Kolberg der Preußischen Staatsbahn und der Altdamm-Kolberger Eisenbahn; Reichsbanknebenstelle, Vorschussverein, Landratsamt, Amtsgericht, 4 Konsulate fremder Länder, Hauptsteueramt, 4 evangelische Kirchen (Marienkirche), 1 katholische Kirche, 1 methodistische Kirche, Synagoge, Gymnasium mit Realgymnasium, adliges Fräuleinstift, Waisenhaus, Denkmal Friedrich Wilhelms III. auf dem Mark, Rathaus, Zucht- und Arbeitshaus, Eisengießereien, Maschinenfabriken, Tabaksfabriken, Dampfsägemühlen, Ziegelbrennerei, Solbad, Fischerei, lebhafter Handel (Reederei 1891: 9 Seeschiffe zu 1.732 Registertons). Der Hafen der Stadt, Kolbergermünde mit eigenem Post- und Telegraphenamt, Rettungstation für Schiffbrüchige, Seemannsamt, Seebad, Leuchtfeuer, an der Mündung der Persante in die Ostsee (westlich die Maikuhle), ist befestigt, während die Festungwerke der Stadt beseitigt sind. Geschichte: Kolberg war die alte Hauptstadt des Kassubenlandes, erhielt 1255 deutsches Stadtrecht und kam 1277 an das Bistum Kammin; es nahm 1530 die Reformation an, wurde 1653 von den Schweden an Brandenburg übergeben, im Siebenjährigen Krieg 1758, 1760 und 1761 dreimal von den Russen belagert, nur das letzte Mal eingenommen, nochmals 1807, aber vergeblich, von den Franzosen (Gneisenau, Schill, Nettelbeck).. Kolberg besitzt eine reiche Kämmerei (1660 ha Holz).

Das Ende des deutschen Kolbergs 1945


Überall kämpfte die Wehrmacht im 2. Weltkrieg an der Ostfront seit Jahren ums Überleben. Der Krieg wurde dennoch so geführt, als ob man ihn gewinnen könne. Am Ende ging es aber nur noch darum, möglichst viele Zivilisten zu retten. Seit Monaten herrschte in Kolberg bereits Aufregung wegen der eintreffenden Flüchtlinge aus Ostpreußen. Der Zivilbevölkerung verweigerte man jedoch die rechtzeitige Evakuierung mit dem Hinweis, der Russe sei zurück geschlagen und nichts zu befürchten. Derweil flüchteten die Nazis samt Anhang bereits mit Bussen und den letzten Zügen, die am Morgen des 3. März 1945 Kolberg verließen. Die Stadt wurde vorher von den Nazis zur Festung erklärt, ein neuer Kommandant Anfang März 1945 ernannt.

Die militärische Lage besagt: „Truppen der Sowjets erreichen das Stettiner Haff, das Gebiet vor Kolberg und Dievenov den Übergang nach Wollin.“

Es kam unweigerlich zur Einkesselung von Zivilisten und restlichen Truppen u.a. auch in Kolberg. Ca. 3200 Mann inklusive schlecht bewaffnetem Volkssturm sollten die Stadt so lange wie möglich halten. Am 3. März 1945 wurden die Volkssturmmänner aus ihren Häusern gerufen. Erst am Folgetag begann die Evakuierung von Flüchtlingen. Die Versorgung der Stadt bricht zusammen. Am 5. März 1945 beginnt der Beschuss durch russische Truppen. Die Panzersperren werden durchbrochen und in den folgenden Tagen von Haus zu Haus gekämpft. Vom Hafen erwidern deutsche Kriegsschiffe das Feuer der sowjetischen Artillerie.

Der Beschuss insbesondere mit den Stalinorgeln und zusätzlich Luftangriffe machen die Zivilbevölkerung panisch. Wer es schafft, bis zum Hafen durchzukommen (über die Persante führt nur eine Notbrücke und alles liegt unter Beschuss), steht im großen Gedränge und läuft Gefahr von hinten in das Hafenbecken gestoßen zu werden. Viele ertrinken dabei. Manche verharren apathisch in den Kellern und müssen von den Soldaten heraus geholt werden. Am Hafen entschied sich das Überleben und wurden Familien getrennt. So verstarb am 11.3.1945 Adalbert Fabricius, seiner Frau Emilie gelang die Flucht. Trotz allem wurde im Krankenhaus noch operiert, bis dann die Verwundeten und das Personal evakuiert werden. So hält eine Kampflinie noch bis 15. März 1945.

Erste polnische Soldaten wollen in die Stadt. Das Ende zeichnet sich ab. Mehrere Zerstörer verlassen mit Truppen und Flüchtlingen Kolberg. Diese Zerstörer hatten mit in den Kampf eingegriffen. Erst am 18.3.1945 bereiten die Verteidiger ihre Evakuierung vor. Lediglich 350 Mann sollen in Feindeshand geraten sein. Was mit verbliebenen Frauen und Männern passiert, muss hier nicht beschrieben werden. Es ist die Rache der Sieger. Die Toten auch der Sieger werden monatelang unbeerdigt bleiben. Selbst die Maikuhle, das kleine Wäldchen westlich des Hafens ist total zerschossen.


Kolberg - eine Stadt nimmt Gesicht an:


 Die Straße heißt heute: Armii Wojska Polskiego.

Kolberg lebte vom Fischfang und der Salzgewinnung, bevor die Stadt zum Kurort wurde. Das Klima und die Sole machten aus der ehemaligen Hansestadt ein Kurbad.

Kaufleute waren sie, die drei Brüder, Kinder des Fleischermeisters Julius Dreyer sen. Jeder auf seine Weise und nicht jeder dazu geboren. Während Sohn Julius in die Fußstapfen des Vaters tritt,
übernimmt Johannes (mein Großvater) nach seiner Marinezeit einen Kolonialwarenladen und führt ihn mit seiner Frau Elisabeth geb. Prohl. Kurt Dreyer, der dritte Bruder, wird nach seiner Militärzeit Handlungsreisender und wird Kolberg vor 1924 der Liebe wegen verlassen. Seine Frau Paula (eine geborene Kaminski hat er als Soldat kennen gelernt.
Johannes dagegen bleibt in Kolberg und hat bereits zwei Kinder, erst den Sohn Werner 1913 und schließlich Tochter Frieda, die am 30.11.1914 geboren wird. Es sind keine einfachen Zeiten. Der erste Weltkrieg hat begonnen, viele Männer sind freiwillig ins Feld gezogen, doch zu Weihnachten, wie gedacht, sind sie nicht zurück.
Julius jun. und Johannes wohnen beide in der Kolberger Altstadt. Johannes ist in der Lindenallee und später in der Gneisenaustrasse zuhause.
Das Haus Gneisenaustrasse 8 gehörte ehemals der Kösliner Actienbrauerei.  Ein Freund der Familie ist stets der Schornsteinfegermeister Adalbert Fabricius. Seine Schwägerin Anna ist um 1911 bereits verwitwet und lebt um 1911 in der Lindenstrasse. 1924 findet sich ihre Eintragung hier nicht mehr. Adalbert hat eine Frau, Emilie, geb. Finger und ein Kind lebt bei ihnen. Vorher aber noch einmal die in den Adressbüchern dokumentierten Personen und deren Aufenthaltsorte in Kolberg:
1911:
Julius Dreyer sen. Fleischermeister , Lindenstrasse 50;
Julius Dreyer jun. Fleischermeister , Lindenstrasse 50;
Johannes Dreyer Kaufmann, Lindenalleee 48;
Adalbert Fabricius Bezirksschornsteinfegermeister , II. Pfannschmieden 27;
Anna Fabricius geb. Beduhn verw. Bezirksschornsteinfegermeisterin, Lindenstrasse 18.
1924:
Julius Dreyer Fleischermeister , Lindenstrasse 50;
Johannes Dreyer Kaufmann, Gneisenaustrasse 8;
Adalbert Fabricius Bezirksschornsteinfegermeister , II. Pfannschmieden 27.

Als das jüngste Kind von Johannes Dreyer, Tochter Frieda also geboren ist, gibt es Lebensmittel nur gegen Marken und die Seeblockade Englands bewirkt, dass es Kolonialwaren eigentlich nicht mehr gibt. Man muss sich mit dem begnügen, was im Inland verfügbar ist. Man kennt sich in Kolberg und im Umland, gute Kontakte sind überlebenswichtig. So fehlen Johannes und seine Frau Elisabeth auf keiner Feier, auch wenn nun offiziell wenig gefeiert wird. Die Leute sagen, Johannes habe sich kaputt geraucht und auch seine Frau (eine gebürtige Danzigerin) musste den Belastungen Tribut zollen.  Die Inflation nach Kriegsende verführt manch einen dazu, durch den Verkauf von Grundstücken oder Häusern utopische Preise zu erzielen, um Geschäftsverluste vermeintlich auszugleichen. Der Erlös aber war schon bald nichts mehr wert. Davon mag Johannes bei seinem Hauskauf profitiert haben. Mit der Umstellung 1923 in die Renten- und später die neue Reichsmark geht es zunächst wieder bergauf. Ende der zwanziger Jahre ist die Arbeitslosigkeit recht hoch und es bahnt sich die Weltwirtschaftskrise an. Waren sind genug vorhanden, das Geld aber fehlt. Das Leben der beiden Kinder Frieda und Werner spielte sich wegen der Geschäftstätigkeit der Eltern schon früh sehr selbstständig ab. Oftmals waren sie bei der Familie Fabricius, die sich anstelle der Eltern um die beiden kümmerte. Frühzeitig musste auch Werner die Verantwortung für seine Schwester übernehmen. Obwohl Frieda sehr lebenslustig war und vor Energie sprühte, hatte sie doch von Anfang an Probleme mit der Lunge, die durch die knappe Ernährung während der ersten Lebensjahre ungünstig beeinflusst wurden. Tb war in Kolberg eine häufige Erkrankung. So kam es, dass beide Eltern daran erkrankten. Vielleicht begünstigt vom Kontakt mit dem Publikum im Geschäft, unter denen sicher auch der ein oder andere Kurgast war, und auch durch die Lebensweise bedingt, die nicht unbedingt gesundheitsbewusst genannt werden kann, erkrankten beide Eltern daran. Im Februar 1929 schließlich verstarb Johannes Dreyer. Da die Mutter bereits ebenfalls stark beeinträchtigt war und die Gefahr einer weiteren Ansteckung durch die offene Tb gegeben war, sprach alles dafür, Frieda den Aufenthalt in einer Lungenheilstätte zu ermöglichen. Adalbert Fabricius besprach dies mit dem Onkel Kurt in Kassel, der von einer entsprechenden Anstalt in Kaufungen bei Kassel wusste. Dort war gerade ein neues Patientenhaus für Kinder eröffnet worden, somit sollte die Aufnahme kein Problem sein. Die Mittel für die Einweisung in eine Heilkur wurden immer weniger, aber Adalbert konnte erreichen, dass die Kur schnellstens nach der Beerdigung des Vaters bewilligt wurde. Ende Februar oder Anfang März 1929 brachte Adalbert Frieda zum Bahnhof in Kolberg und in Kassel sollte Onkel Kurt sie in Empfang nehmen und nach Kaufungen bringen. Ironie des Schicksals ist es, dass dem Mädchen in einem Kurort für Lungenkranke nicht geholfen werden konnte.

Neben der Altstadt gibt es in Kolberg das Kurviertel, in dem die beiden Kinder ja zu hause waren. Hier spielte sich das Leben auf der Strandpromenade ab, wo die Patienten und ihre Besucher flanierten. Das Strandschlösschen mit seinen Kurkonzerten, die Seebrücke und das Damenwäldchen, aber auch die Altstadt mit ihren Parks und Bürgerhäusern, der Persante mit ihren Weidenbäumen, das Maikuhlewäldchen mit dem Ausflugslokal, all das sollte Frieda bald vermissen. Wie gern wäre sie mit Adalbert und seiner Kutsche wieder an der Persante entlang gefahren.

Exkurs: Kolberg - Weihnachten 1941  

Kolobrzeg
  
Mit donnerndem Krach und einem klirrenden Geräusch knallt mein Schädel vor die Unterkante der Stahlwand über dem Ausgang der Fähre, die uns von Ahlbeck nach Misdroy auf der Insel Wollin gebracht hat. Zwar hatte ich den Kopf schon gesenkt, aber eben nicht tief genug. Der Aufprall entlockte sogar ein paar deutschen Touristen einen Schreckensruf. Ich pralle ein wenig zurück und steige dann doch aus. Wie immer hält das Schicksal für mich ein paar Unannehmlichkeiten bereit, wenn ich etwas zu sehr will. Heute ist es meine Mission, Kolberg zu besuchen, die Stadt meiner Ahnen väterlicherseits. Das polnische Kolobrzeg ist also mein Ziel und davon werde ich mich nicht abbringen lassen. Zum Glück habe ich eine Mütze auf dem Kopf gehabt und die Haare sind auch nicht zeitgemäß kurz geschnitten. Es blutet erkennbar nichts und bis auf den relativ schnell vergänglichen Akutschmerz scheine ich auch sonst keine Nachwirkungen zu haben. Wahrscheinlich hängt alles bloß damit zusammen, dass ich meine Aufregung mit einem vermeintlich günstigem Glas Bier schon zu sonst ungewohnter Stunde dämpfen wollte. Meiner Aufmerksamkeit beim Ausstieg hat das nicht geholfen. Auf der Seebrücke, die ganz anders als auf Usedom schon zu dieser Zeit gut gefüllt ist (wir haben noch frühen Vormittag) empfängt uns Robert, unser polnischer Reiseleiter. Er sieht so aus, wie man sich einen Slawen vorstellt. Dunkelhaarig und klein und mit sehr viel Sinn für hintersinnigen Humor und Doppeldeutigkeiten ausgestattet.
Dass ich wegen des Biers auf dem Schiff nicht mehr auf Toilette gegangen bin, merke ich jetzt.
Macht nichts, ich bin entschlossen, auch das durchzuhalten bis Kolberg. Robert erzählt viel über die Polen nach dem Krieg und heute. Auch über das Ende Kolbergs weiß er einiges. Unter anderem, dass 1943 die 1. polnische Armee aufgestellt wurde und das polnische Soldaten Kolberg eroberten. Das Stalin bestimmt kein Freund der Polen war und die Sowjets ganz einfach nicht den hohen Blutzoll allein tragen wollten, der bei den harten Kämpfen um Kolberg und später auch um Berlin zu erwarten war, kommt nicht zur Sprache. Polnischer Befreiungskampf ist eher das Motto. Kolberg, slawische Staatsgründung, soll nie wieder aufgegeben werden, so schworen es die Eroberer. Diese Stadt scheint eine wahnwitzige Tradition zu haben. Zwischen Wollin und Kolobrzeg liegen an der Küste militärische Sperrgebiete, sodass wir nicht direkt an der Küste entlang fahren können. Stattdessen sind wir ca. 10 km hinter der Küste unterwegs und erreichen schließlich das kleine und gut erhaltene Städtchen Treptow und endlich Kolobrzeg. Völlig unspektakulär beginnt die Stadt völlig austauschbar mit Tankstellen und anderem Gewerbe. Wir überqueren die Parseta und sehen links von uns einen Ring von Hochhäusern, der in etwa mit der Grenze der ehemaligen Altstadt zusammen fällt. Links von den Plattenbauten ist also die Altstadt, rechts die Neustadt. Schnell wird mir klar, dass ein alter Stadtplan hier nichts bringt. Der Plan ist ein schlechter, sagt Robert, als er meinen historischen Stadtplan von 1931 sieht. Unser Bus hält an einem großen Platz, auf dem ein Gemüsemarkt statt findet. Roberts Finger zeigt auf den Kaiserplatz. Hier werden wir wohl sein. Die alte Bebauung Kolbergs soll maximal zweistöckig gewesen sein, später werde ich sehen, dass es durchaus höhere Bürgerhäuser, z.b. im Jugendstil, gegeben hat. Somit ist bei der Wiederbebauung zumindest in Bezug auf die Höhe der Häuser historisch alles richtig. Wir gehen an einer Häuserzeile mit vielen Trödelläden vorbei, davor findet sich ein kleiner Platz mit Blick auf den Kolberger Dom, die Marienkirche. Diese Strasse wird von den Einheimischen die Goldgasse genannt und müsste der früheren Schmiedegasse entsprechen, eine der ältesten Straßen Kolbergs. Die wieder aufgebaute Altstadt entstand erst in den Achtziger Jahren, die großen Plattenbauten rings herum sind älter. Gern haben die Polen alte und verfallende Wohnungen und Häuser aufgegeben, um in einem modernen Plattenbau zu wohnen. Die Belegung der von den Deutschen hinterlassenen Häuser durch polnische Vertriebene erfolgte nicht sofort nach dem Krieg. Es kamen auch nicht so viele Menschen, wie zuvor vertrieben wurden. In Kolobrzeg, wo 90% der Häuser zerstört waren, musste schnellstmöglich neuer Wohnraum entstehen.
"Wir Polen sind keine Kirchenzerstörer." Sagt Robert. In der Tat wurden jedoch auch die noch erhaltenen Kirchen in Kolberg, z.b. die Münderkirche, in den Fünfziger Jahren abgetragen.
Lediglich der Dom blieb schwer beschädigt erhalten. Die Kirche konnte erst in den Siebziger Jahren wieder aufgebaut werden, nachdem durch die deutsche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze Rechtssicherheit auch für die Kirche geschaffen wurde und auch hier die Verantwortung endgültig bei Polen lag. Der Wiederaufbau der Kirche erfolgte so authentisch wie möglich. So entschlossen sich die Polen, schiefe Säulen auch wieder schief aufzubauen, da sonst das Kirchenschiff kleiner als ursprünglich ausgefallen wäre. Gerettete Gegenstände aus der deutschen Zeit stehen an verschiedenen Plätzen. Robert meint, durch die Reformation sei eine Trennung der deutschen und der slawischen Bevölkerung Kolbergs entstanden.
Die Deutschen waren nun protestantisch. Draußen zeigt uns Robert ein Denkmal, das Kolberger Bürger anlässlich des 1000. Geburtstags Kolbergs gestiftet haben. Es soll den Verlauf der deutsch-polnischen Geschichte symbolisieren. Ganz oben verbindet eine Taube die beiden Säulen. Tatsächlich ist die Geschichte Pommerns und Kolbergs keineswegs so eindeutig von einer Seite dominiert worden, wie es gern von polnischer oder deutscher Seite dargestellt wird. Es war ein wechselhafter Kampf zwischen pommerschen Herzögen und Polen, schließlich kamen die Schweden und mit dem Verschwinden Polens wurde Pommern preußisch.
Draußen sind wir wieder in einer fremden Welt. Polen feiert an diesem Tag, dem 2. Mai 2008 den Tag der Fahne, Es ist Feiertag. Robert hat für uns ein Essen in einem Lokal bestellt. Unsere stille Reisegesellschaft hat sich mehrheitlich für sein Angebot entschieden. Wir können im lokal mit Euro bezahlen.
Im Henkerhaus essen wir ziemlich ungewürzte und soßige Schweinelendchen mit Pfifferlingen oder Lachs mit Gemüse. Robert isst nicht mit uns. So ist es recht still. An unserem Tisch sitzt ein alleinreisender Mann aus Ostfriesland. Unser Tischnachbar taut etwas auf, nachdem ich ihm von meinen Vorfahren aus Kolberg berichtet habe. Wir reden dann hauptsächlich über das Kriegsende, darüber hat er gelesen. Ob das Haus wohl ein altes ist, das werde ich später nachlesen müssen. Die dunklen Holzvertäfelungen mit den Gemälden lassen darauf schließen. Nach dem Essen ist die Altstadtbesichtigung zu Ende. Ich wollte eigentlich Ansichtskarten kaufen, das ist aber nicht so einfach. Die Karten sind mit Nummern versehen, diese müsste ich dann einer polnischen Verkäuferin durchgeben. Ich lasse das, versuche ein paar Straßenschilder zu entdecken, was mir aber nicht gelingt. Robert ist auch zurück und wird gleich im Bus erzählen, dass der Bürgermeister heute noch auf dem Platz eine Rede halten wird. Auf der Bühne probt schon eine Musikband für ihren Auftritt.
Der Weg soll uns nun zum Kurviertel führen, wir fahren durch die Neustadt, stoßen an einem Kreisel auf die Straße nach Koszalin (Köslin), die weiter Richtung Danzig führt. Die Plattenbauten der Neustadt grenzen direkt an den Park hinter den Dünen. Bei den Hotels handelt es sich zumeist um ehemalige Erholungsheime für die Beschäftigten der staatlichen Betriebe. Der Bahnhof liegt links von uns, an ihm konnte ich mich aufgrund meines alten Plans orientieren. Die Altstadt und das Kurviertel sind über eine Brücke über die Gleisanlagen zu erreichen. Das, so Robert, bereitet den Senioren oft Probleme. Probleme hat auch unser Busfahrer mit der Parkplatzsuche. Abseits des Kurviertels führen viele Straßen zum Strand quer durch einem Laubengang ähnlichen Park. Wir steigen schließlich an einem Halteverbotsschild aus. Durch ein Spalier von Verkaufsständen gelangen wir geraden Wegs zum Strand. Für die Seebrücke müssten wir Geld bezahlen, also sparen wir uns den Besuch. Links von uns befindet sich der Park, es ist das sogenannte Damenwäldchen. Östlich der Seebrücke befand sich früher das Strandschlösschen. Darüber berichtet Robert nichts. Wir kommen nun an einem Denkmal der Eroberer Kolbergs vorbei. Die Namen der Einheiten sind dort genannt, ebenso einiges an Symbolik zur früheren slawischen Geschichte des Orts. Immer wieder wird eine Brücke aus grauer Vorzeit in die Nachkriegszeit geschlagen. An derselben Stelle stand früher ein anderes Denkmal. Schließlich erreichen wir den Leuchtturm und wieder etwas, was ich auf Anhieb erkenne: die Mündung der Persante ins Meer, begrenzt durch die beiden Molen. Ich werfe einen Blick auf den Fluss und das gegenüberliegende Wäldchen. Robert erzählt nichts darüber, über den Leuchtturm weiß er umso mehr. Der ist 1945 wieder aufgebaut worden. Die Deutschen hatten ihn gesprengt, um der Artillerie kein Ziel für den Beschuss zu bieten. Der russische Stadtkommandant wollte die Versorgung der Stadt sichern, der Hafen war vermint und so mussten gefangene Deutsche den Leuchtturm wieder aufbauen. Dabei wurde das alte Fundament genutzt.
Drei Wege sollen uns zum Bus zurück führen, einer am Fluss entlang, einer durch die Mitte und der letztere zur Seebrücke zurück. Am Hafen entstehen überall Apartments, das Bild eines durch und durch touristischen Badeorts ist bestimmend. Ich fühle mich durchaus unbehaglich, den gemütlich sind die aufgeschnappten Gesprächsfetzen aus der Unterhaltung drei junger Deutscher, die über den Umgang mit Geld reden, nicht. Auch das Angebot der Verkaufsstände ist sehr unübersichtlich. Wir wollen eine Waffel kaufen, die Preise sind günstig, wenn man Zloty in Euro umrechnet. Für einen Euro sollte das gehen. Die Verkäuferin weigert sich jedoch, unseren Euro anzunehmen. Wir sehen weder eine italienische Eisdiele noch eine Fischbraterei. Dafür hätten wir auf Bernsteinschmuck gern verzichtet.
Als ich auf einen Kettenanhänger zeige, nimmt ihn die Verkäuferin gleich aus der Vitrine, um ihn uns zu zeigen. Ich winke ab. Wir sind beide rechtzeitig am Bus und froh, dem Menschengewimmel zu entkommen. Der Park ist von einem deutschen Gartenbaumeister angelegt worden, ein polnischer hat sich nach dem Krieg darum gekümmert und entsprechend wird sein Name gewürdigt. Immerhin ist die Erläuterung auch in deutsch auf der Hinweistafel zu finden. Der Park erweckt in mir ein Gefühl der Vertrautheit, wie eine dichte Decke scheinen die Baumwipfel auf meinem Gemüt zu liegen. Der Bus steht noch nicht direkt am Ausgangspunkt. Pünktlich fährt er dann vor. Wer nicht kommt ist unser ostfriesischer Tischnachbar. Auch nach einer Viertelstunde nicht. Robert telefoniert und schaut in der Jacke des Mannes nach. Wir müssen fahren, denn wir brauchen eine bestimmte Zeit, um unsere Anschlussfähre nach Swinemünde zu erreichen. So bleibt also einer von 13 in Kolobrzeg zurück. Ich frage mich, wie man von hier aus nach hause kommen will. Wir verlassen Kolobrzeg, fahren am Hafen vorbei, überqueren die Persante auf einer anderen Brücke, rechts von uns das Maikuhlewäldchen. Im Fluss sprudeln Quellen. Das Solewasser darf von allen Bürgern kostenlos genutzt werden. Es wird, wie auf dem Markt schon gesehen, gern zum Einlegen von Gemüse genutzt. Wir passieren etliche Kasernen, die für die Deutschen in den letzten Kriegstagen von strategischer Bedeutung waren. Robert sagt immerhin, dass das Hauptanliegen der Verteidiger die Rettung der Flüchtlinge war und dass durch die Sprengung des Leuchtturms ein Versenken der Schiffe nicht erfolgen konnte. Wir verlassen die Stadt völlig undramatisch, überqueren die Schienen einer Kleinbahn, und sind bald wieder auf dem Weg nach Treptow.

Kolberg - ein Nachwort

Es gibt eine Zeit vor meinem Kolberg-Besuch und eine danach. Pommernland ist abgebrannt, soviel ist sicher. Mit ihm sind die Sitten und Gebräuche verschwunden. Da ein Teil Pommerns bei Deutschland verblieben ist, kann man sich jedoch leicht einen Einblick in die Lebensweise der Pommern verschaffen.
Das nachstehende Bild habe ich vor meiner Fahrt angefangen und danach beendet.



Auch wenn die Illusionen des Gelesenen in der Realität schnell zerplatzen, wenn man über eine geographische Intuition verfügt, dann stellt sich eine gewisse Vertrautheit ein. Man stellt sich vor, wie anstelle des quirligen polnischen Badeorts hier einmal eine norddeutsche Kleinstadt lag, die auch Kurort war. Man setzt Lebensläufe in Bezug zu geografischen Punkten. Beim Anblick der jungen polnischen Mädchen in ihren Spitzenstrumpfhosen unter kurzen Röcken denke ich an Frieda. Auch sie wird sich schön gemacht haben auf der Suche nach Liebe. Das Leben wiederholt sich und aus dem Vergessen entsteht Geschichte.
Das Meer vor Kolberg ist auch im Sommer mit 18 Grad zu kalt zum Genussbaden, der Strand nicht so breit wie zum Beispiel vor den Kaiserbädern auf Usedom. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, schon gar nicht in Kolbergs Goldgasse, der restaurierten Häuserzeile in der "Altstadt".
Wenigstens gab es beim Verlassen von Kolberg dieses Mal keine Verluste. Der verschollene Reisegast ist an gleichen Tag noch nach Heringsdorf zurück gekehrt. Er hatte sich rettungslos verlaufen, landete bei der Polizei, dort musste ein Dolmetscher gefunden werden. Man empfahl ihm, ein Taxi zu nehmen und so zahlte er 150 € für die Rückkehr. Es ist ihm sonst nichts weiter passiert. Da ich erwartungsgemäß keine neuen Informationen über meine Familie gewinnen konnte und die Toten auch nicht reden, stütze ich mich im nachfolgenden auf meine Recherchen von 1985/1989 bei der Heimatortskartei und verschiedenen Telefonaten von damals. Dazu kommen Einträge aus Adressbüchern sowie Urkunden.
Was immer mir das Schicksal an Hinweisen geben mag, ich bin dankbar dafür.

Kleine Magie der Zahlen
  
Am 30.11.1914 wird Frieda, meine Großmutter, in Kolberg geboren, am 30.11.1934 meine Mutter. Am 25.12.1943 fällt mein Großonkel Werner in Russland, am 25.12.1998 stirbt meine Mutter. Nur mein Vater ist einen Tag später dran. Kolberg fällt am 18.3.1945, am 19.3.2007 stirbt mein Vater, der Kolberg ja nie sehen durfte. Ein Schelm, der da Zusammenhänge sieht.

Zusammenhang

Nichts im Sinn habe ich mit der Verdrehung historischer Zusammenhänge. Das das Thema der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten für die Polen heikel ist, ist sehr verständlich. Die Polen in Pommern sind selbst Vertriebene und derer gedenkt kein Mensch in Deutschland. Dazu kommt nun einmal die historische Tatsache, dass Deutschland einen unsinnigen Krieg angefangen hat und dabei vor allem im Osten barbarisch aufgetreten ist.
Wie hätten sich deutsche Truppen damals verhalten, wenn wir überfallen worden wären und hinterher als Sieger in Polen einmarschiert wären? Man mag nicht daran denken.
Demzufolge sind Touristen gern gesehen in Polen, nicht jedoch Menschen, die irgendein Erinnern an erlittenes Leid konservieren wollen. Die Veteranen der Kämpfe um Kolberg haben sich die Hand gegeben, damit ist die Sache für die Polen erledigt und ich meine, wir sind gut bedient damit. 
Als ich auf der Promenade bei Heringsdorf mit dem Fahrrad von hinten mal wieder angeklingelt werde, weil ich nicht rechtzeitig in die Büsche springe, um dem Hintermann freie Fahrt zu ermöglichen, denke ich an Robert. Es ist gerade diese Rechthaberei und der Egoismus, der Deutschland so beliebt macht in der Welt. Stolz sein, so wie Robert, auf die typisch slawische Bauweise von Häusern ohne Mörtel, das ist in Ordnung. Das hat aber nichts mit Aggression zu tun. Aber noch und längst stehen die Zeichen in Deutschland auf Versöhnung. Man gesteht Lukas Podolski sein polnisches Herz zu, wenn er für Deutschland Tore gegen Polen schießt, im Fußball. 
  
1929
  
"Vorschriftsmäßige Liegekuren in jeder Jahreszeit, vorgeschriebene Spaziergänge und Wasserbehandlungen und gute, abwechslungsreiche Nahrung mit Durchführung einer zweckmäßigen Hausordnung sowie das Rauch- und Wirtshausverbot, bedeuten das A und O der Tuberkulose-Bekämpfung, wie sie hier oben durchgeführt würde. Auch sei man nach anfänglicher Skepsis zum Gebrauch von spezifischen Heilmitteln geschritten. Seit 1910 werde auch die Höhensonne angewandt...
Am 15. Oktober 1928 konnte das dritte Patientenhaus, das als Kinderheilstätte mit 40 Betten vorgesehen war, feierlich eröffnet werden. In achteinhalb Monaten stand der Bau. Ermöglicht hatte dies eine für die damalige Zeit neuartige Baumethode. Auf den massiven Unterbau befestigte man die Fertighaus-Holzkonstruktion,
Dieser große, rechtwinklig angelegte Baukörper auf dem schönen Grundstück in Südhanglage bot einen weitreichenden Fernblick. ..
Außerdem kam es zur Anschaffung eines neuen Röntgenapparates. Wirtschaftlich gesehen war 1929 wohl das schwierigste Jahr seit der Inflation. Zudem gab es noch 1928/29 einen außergewöhnlich starken Winter, der die Belegungszahlen bis April stark absinken ließ."
(Aus Geschichte der DRK Klinik Kaufungen)
Das Jahr 1929 war aber auch das Schicksalsjahr für Frieda. Onkel Kurt besuchte sie regelmäßig in Kaufungen und sie gingen in der Parkanlage oft spazieren. Frieda war sich ihrer Trauer kaum bewusst, es war, als stünde sie noch unter Schock, auch ihre eigene gesundheitliche Situation nahm sie nicht so ernst. 
Alles in allem waren ihr die Menschen hier so fremd. Man ist im nordhessischen Land nicht nur autoritätstreu, man hält sich auch daran. Die Überwachung ihrer Teilnahme an allen Heilmaßnahmen erschien ihr hier noch strenger als anderswo.

In der Klinik war ein bekannter und renommierter Lungenarzt für den Vaterländischen Frauenverein tätig. Man müsse Geduld haben, Frieda konnte es sich nicht vorstellen.

Die minderjährige Frieda wurde mit 14 Jahren schwanger.
An ein Ende ihrer Kur oder gar an die Rückkehr nach Kolberg war nicht zu denken. Eine Abtreibung kam aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage, die Ärzte in der Klinik wären nicht bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Der Vater wurde jetzt gesucht und Onkel Kurt erwachte aus einem bösen Traum. Zwar gab es noch andere Verdächtige und Frieda selbst behauptete, sich an den Mann nicht erinnern zu können.
Seine Frau jedoch glaubte an all das nicht, schwieg aber.
Frieda konnte auf keinen Fall minderjährig und schwanger nach Kolberg zurück kehren.
Die Nachricht ihrer Schwangerschaft war für ihre Mutter Elisabeth ein Schock, von dem sie sich nicht mehr erholte. Auch wenn sie sich mühte, die Wahrheit zu ergründen, sie hatte keine rechte Kraft mehr dazu. Das Kind war verloren. Bruder Werner hatte es kommen sehen.
Im August 1929 stirbt auch Elisabeth an Tb. Sie folgt ihrem Mann ins Grab, ohne dass ihre schwangere Tochter an der Beerdigung hätte teilnehmen können.
Da beide Kinder noch minderjährig waren und das Erbe der Eltern so früh anzutreten hatten, entstanden die Dreyer'schen Erben. Adalbert und Emilie Fabricius übernahmen, so wie es die Mutter gewollt hatte, die Vormundschaft. Auch sie waren der Meinung, dass das Kind in Kolberg nicht auftauchen dürfe. Es wurde nun ein Vater gesucht, ein Mann, der diese Vaterschaft ohne Schaden übernehmen könnte, denn Kurt Dreyer kam ja nur als Ernährer in Frage und sollte das Kind adoptieren. Es wäre unauffällig, wenn er das Kind seiner minderjährigen Nichte aufnehmen würde.
Adalbert hatte eine Lösung, der Hermann Stahnke, Freund der Familie, Postschaffner a.D., der könnte das machen. Ihm würde kein Schaden erwachsen. Hermann konnte die Not der über Jahrzehnte verbundenen Familien erahnen und ließ sich dazu überreden.
So bekam Kurt's Frau Paula einen weiteren Sohn. Sie würde es erdulden müssen, um Schaden von sich abzuwenden. Die Zeiten waren wirtschaftlich schlecht genug.
Frieda konnte bis zur Entbindung, die im Krankenhaus des Roten Kreuzes in Kassel stattfinden sollte, in Kaufungen bleiben, nun allerdings nicht mehr in der Kinderstation sondern im Frauenhaus.

Die Anstalt war um ihren Ruf besorgt und versuchte den Fall zu vertuschen. Kurt schien nicht anderes im Sinn zu haben, als ihr das Kind zu nehmen. Trotz der schweren Umstände wollte sie das Kind, es würde leben, auch wenn sie selbst nicht daran teil hätte. Sie machte sich keine Vorstellung davon, welche Verantwortung das Kind bedeuten würde. Sie wartete sehnlichst auf die Entbindung, als ihren 15. Geburtstag im Krankenhaus verbrachte. Das Kind wurde auch aus medizinischen Gründen gleich nach der Geburt von ihr getrennt, nur einmal durfte sie es ansehen aus sicherer Entfernung, denn die Gefahr einer Infektion des Säuglings war groß. Mittags, am 6. Dezember 1929 war es geschehen. Der Name de Kindes, meines Vaters, sollte Egon Alfons Christian sein.
Sie war zunächst sehr schwach und musste noch bleiben. Sobald man es aus gesundheitlicher Sicht erlaubte, konnte sie nach Kolberg zurück kehren. Schließlich müsse ja ein Erfolg der Behandlung sichtbar sein.
Frieda sollten ihr noch knapp 10 Jahre ihres Lebens bleiben. Ein Leben in dem Bemühen, das Geschehene zu vergessen, im Kampf um das tägliche Brot noch etwas zu lernen, zumindest einen Freund zu finden, der wohl tunlichst nicht erfahren sollte, dass sie eigentlich schon eine junge Mutter war, das lag vor ihr. Der alte Fabricius kümmerte sich noch immer um sie. Werner hielt zu ihr, auch wenn er so manches Mal sein Unverständnis über das Geschehene durch blicken ließ. Schwierig war der Umgang mit den Jungen, die sie teils noch aus ihrer Schulzeit kannte. Gerüchte über ihr Verhältnis zu einem ganz alten Mann gingen um. Lernte sie mal einen anderen Jungen kennen, so musste sie damit rechnen, dass er alsbald irgendetwas gesteckt bekommen würde. Frieda zog sich in ihre Träume zurück, in denen auch ihr Kind vor kam. Wie mochte der Junge aussehen? Anfangs erfuhr sie noch, dass der Junge gesund sei und später gar nichts mehr. Dem Kind erzählte man, die Mutter sei bei der Geburt gestorben. Sein Vater sei ein uralter Mann. Später erfuhr er die Wahrheit, viel später, da war die Mutter längst tot.
Für Frieda gab es kein gutes Ende. Trotz ihrer Begabung, immer wieder das Beste aus allen Situationen zu machen, erlitt sie im Winter 1938/39 einen schweren Rückfall und verstarb am 21. Januar 1939 im Kolberger Krankenhaus. Sie konnte den Fluss sehen und die Weidenbäume, unter denen sie als Kind so gern gesessen hatte. Bruder Werner war wie sein Vater Vater Soldat geworden und diente bei der Wehrmacht. Frieda aber, gerade erst 24 Jahre alt geworden, beerdigte man auf dem Maikuhlefriedhof. Die Kunde ihres Ablebens drang auch nach Kassel, wo Kurt nun erst recht beschloss, den Fall Frieda aus seinem Gedächtnis zu tilgen. Das Leben sollte schwer genug werden in den kommenden Jahren. Als der heranwachsende Egon erfährt, dass Paula Dreyer nicht seine Mutter ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Er meint sich die strenge Behandlung erklären zu können, die ihm während seiner Kindheit widerfuhr. So manchen Streit sieht er in einem neuen Licht. Und auch den Rauswurf, er könne ja gehen, Paula wirft ihm wutentbrannt einen Putzlappen vor die Füße. 
Sein Vater Kurt, so mutmaßt Egon später, habe ihn wohl nur adoptiert, um an sein Erbteil zu kommen. Kurt ließ sich in der Tat beglaubigen, dass Egon der Sohn von Frieda Dreyer ist. Da ihr Bruder Werner 1943 bei Pavolotsch fiel, gab es die Dreyerschen Erben nicht mehr. Das Erbe stand ja dem minderjährigen Sohn und somit zunächst verwaltend seinem Vater zu. Nach dem verlorenen Krieg war davon nun nichts mehr vorhanden. Egon hatte auch das verloren. Mit seiner Volljährigkeit hielt es ihn nicht mehr zu hause. Kurt beließ es bei der lapidaren Feststellung, der Junge könne jederzeit zu ihm kommen. Für Egon war jedoch jeder Anreiz, zu hause zu bleiben, auch durch den Tod seines Lieblingshalbbruders Wolfgang, verschwunden.
Dessen Tod war eine Folge der schweren Kämpfe um Monte Cassino im Jahr 1944 gewesen. Zwar war die im Kampf erlittene Verletzung nicht tödlich gewesen, aber durch die Bombardierung des Lazaretts kam er durch den Einsturz einer Zimmerdecke ums Leben. 
Der älteste Halbbruder Siegward war kein Trost für ihn, der Altersunterschied mag eine Rolle gespielt haben. Siegward gerät an der Westfront in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Egon geht auf Wanderschaft, arbeitet im Bergbau im Raum Aachen und bei den Amerikanern in Frankfurt als Wachmann. Letztlich siegt aber das Heimweh, er kehrt nach Kassel zurück und noch einmal geraten Vater und Sohn aneinander. Dennoch bleibt er Rothenditmold oder dem Rothenberg, wie er sagt, verbunden.
Vom Streit erzählte er mir bei einem meiner letzten Besuche. Das er seine leibliche Mutter nie gesehen hat, war für ihn eine besondere Tragik.
Wenn er wüsste, wo ihr Grab sei, sagte er einmal.

Es fällt schwer, sich das Schicksal von Frieda Dreyer vorzustellen, denn ich habe kein Foto meiner Großmutter. Nachforschungen nach ihrem Bruder, meinem Großonkel, bei der Deutschen Dienststelle (WASt), führten bislang zu keinem Ergebnis. Zwar bin ich vermutlich der nächste noch lebende Angehörige, aber ich kann es nicht beweisen. Das für die Ostgebiete zuständige Standesamt I in Berlin verweist auf Bearbeitungszeiten von zwei Jahren und antwortet nicht auf meine Schreiben. Datenschutz in Deutschland, ich habe keine Hoffnung auf weitere Informationen.

Exkurs: Kolberg - Der muß hinaus - Der muß hinaus!  

Nachwort 1929

1929 - in diesem Jahr fielen die Katastrophen im Leben der Friede Dreyer mit denen der Weltgeschichte zusammen. Die Weltwirtschaftskrise und das Erstarken der NSDAP sind schlechte Rahmenbedingungen für ein von Krankheit geprägtes Leben. Tb entsteht heute nicht mehr so oft und ist heilbar. Unter den heutigen Lebensbedingungen wäre Dreyers wohl ein längeres Leben vorhersagbar gewesen. Andererseits, die Vernunft durch eine gesündere Lebensweise älter zu werden, wurde wohl oft genug vom Wunsch nach dem Leben verdrängt.
Dies trifft zu mindest auf Elisabeth und Johannes Dreyer zu.
Frieda wird entweder unter dem Verlust des Kindes gelitten haben oder diesen durch ihren Lebensstil verdrängt haben. Die Wahrheit liegt meist in der Mitte.
Am allerwenigsten wird sie Probleme mit dem konservativen Zeitgeist gehabt haben. Denn Kolberg und Pommern waren mehrheitlich der NSDAP und den anderen konservativen Parteien zugetan. Daran kann auch die bürgerliche Sicht auf kommunistische Aktivitäten nichts ändern. Man ertrug sein Schicksal und dachte gar nicht an etwas anderes. Oder man war euphorisch und aufgeschlossen gegenüber den sich ändernden Bedingungen. Man lernte nichts aus der Niederlage des ersten Kriegs, sondern wollte Revanche, um die Schmach von Versailles zu tilgen. Das ging durch alle Bevölkerungsschichten.
So starb 1943 auch Werner Dreyer viel zu jung bei einem Ort namens Pavolotsch, der ca. 100 km südwestlich von Kiew liegt. Die Bevölkerung des Ortes bestand überwiegend aus Juden, die alle die deutsche Besetzung nicht überlebten. Werner ist hier vermutlich in einem Massengrab beerdigt. Ende 1943 wurden selbst kleinste Orte hart umkämpft. Auf Vorstoß folgte Gegenvorstoß. So überlebten "schneidige" Kommandeure oft den Krieg, viele ihrer Soldaten nicht. Man riskierte bei den Vorstößen oft von den eigenen Truppen abgeschnitten oder gar eingekesselt zu werden. Doch letztlich ging es am Ende nur zurück und versank auch in der heutigen Ukraine oftmals Mann und Gerät im schlammigen Tonboden.
Frieda immerhin erkämpfte einen schmerzvollen Triumph des Lebens über den Tod. Und auch das nicht immer glückliche Leben meines Vaters relativiert sich, wenn man die Zeilen seines Halbbruders Siegward liest, der zum Schluss mit der Panzerfaust den Endsieg erreichen sollte.

"... Es ist vorbei, wir sind umstellt.
Vier leben noch. Die ander'n?
Zerfetzt, verblutet und zerschellt
sie schon im Jenseits wandern.

Wie haben alle zwölfe wir
am Leben heiß gehangen.
Acht sind nun stumm, die letzten vier
zermürbt, besiegt, gefangen."
(aus Siegward Dreyer, Der Opfergang)


Ich bin froh, in Frieden hier am Kolberger Hafen zu stehen und auf die See hinaus zu sehen.

Dank sagen möchte ich an dieser Stelle der einzigen Person in der Familie Dreyer, die mir betätigt hat, was ich schon wusste. Es ist meine Halbcousine, wenn man es genau nimmt. Danken möchte ich auch dem Betreiber der Pommerndatenbank, Herrn Gunthard Stübs, für die Möglichkeit in seinen Adressbüchern nachzuforschen. Neben den amtlichen Dokumenten, die mir vorliegen, haben mich die zahlreichen Berichte im Internet und Lebenserinnerungen in gedruckter Form inspiriert. Stellvertretend sei hier das Buch von "Tina Georgi, Mein Leben im Wechsel der Zeit" genannt. Solche Quellen sind ungemein wertvoll, weil sie etwas über die damalige Denkweise der Menschen aussagen.
In diesem Zusammnhang möchte ich auch Frau Lieselotte Dumtzlaff erwähnen, die mir freundlicherweise den Beitrag Ihres Mannes, Ernst-August Dumtzlaff, im vergriffenen Buch "Die letzten Kriegstage - Ostseehäfen 1945"
zur Verfügung stellte. In seinem Bericht "Ich war dabei beim Kampf um Kolberg" wird die Zeit noch einmal lebendig.




Dienstag, 28. August 2012

2010 - I

Sweet Fires in The Night


Der Vollmond fliegt vorbei
am Fenster.
Wie lange noch sehe ich
Gespenster?
Die Nacht umschließt
meine Reise.
Sie singt eine
alte Weise.
Am See sind alle Stühle leer
und mein Herz, es wird süßlich schwer.

Montag, 27. August 2012

2009 - VI

Manches Mal

Manchmal bin ich nicht ganz dicht,
dann werde ich Dichter.
Manchmal haben wir Sommer
und die Termine lichter.
Manchmal geht ein Mensch
und es fehlen Gesichter.
Manchmal liebe ich nicht
und werde zum Richter.
Manchmal passt eben
gar nichts in irgendeinen Trichter.

Sonntag, 26. August 2012

Samstag, 25. August 2012

2009 - VI

Vergeben

Briefe lesen und vergessen?
Na, das wäre doch vermessen.
Unkonzentriert durchs Leben gehn?
Na, das wolln wir auch mal sehn.
Sich die Finger wunde schreiben?
Nein, soweit muss man's nicht treiben.
Siehst Du, das ich nichts mehr fühle?
O, Mann, das erklärt die Kühle.
Und das Ende der Geschichte
erscheint bald in fahlem Lichte.
Nun, so geht manch' armer Dichter
lieber nach haus und macht Gesichter.

Freitag, 24. August 2012

2009 - III

Verliebt in Berlin?

War ich verliebt in Berlin?
Habe ich nur laut geschrien?
Fände ich in Osnabrück
Vielleicht das ganz große Glück?
Ich weiß es nicht,
wer kann es wissen?
Was man nicht kennt,
kann man nicht missen.
Schön wäre es in Potsdam
oder auch in Amsterdam.

Donnerstag, 23. August 2012

2009 - II

Stralsund:
"Wir sind hier nicht in Afrika."

Da fahre ich nun wieder durch die Gegend, die mir so ans Herz gewachsen ist. Schon in Berlin fühlte ich mich so, als müsse ich sofort aus dem Zug aussteigen. Draußen fliegt nun die sehr vorfrühlingshafte Seenlandschaft nördlich von Berlin vorbei, bald ist Vorpommern erreicht. Fast wie Steppe muten die Wiesen und Felder an, der Boden ist immer wieder sehr feucht, größere Pfützen und Tümpel haben sich hier und da gebildet, ja kleinere Gewässer sind entstanden und auch der Waldboden saugt nicht all das Wasser auf. Störche und Reiher sind auf den Wiesen zu sehen. Einzelne Rehe stehen sehr dicht am Bahndamm, eine Rotte Wildschweine lagert in der Ferne. Pasewalk, Anklam, Greifswald und dann endlich Stralsund sind die weiteren Stationen des Zuges. Verfallene Schuppen und neue Bahnsteige wechseln sich ab. Es ist wie ein Nachhausekommen und doch sehr fremd.
In Stralsund laufen wir mit dem Koffer vom Bahnhof zur gebuchten Unterkunft. Die Strecke ist nicht unangenehm zu gehen, vor allem wenn man in die Altstadt einbiegt. Zwar sind die Straßen mit Kopfsteinen gepflastert und die Bürgersteige mit Platten belegt, sodass mein Koffer über jeden Absatz hörbar knallt, aber es ist ja nicht so weit.
Die Begrüßung im Hotel ist sehr freundlich und nicht aufgesetzt. Das gebuchte Zimmer steht nicht zur Verfügung, dafür darf ich in einer Suite für den gleichen Preis wohnen. Sie liegt abgeschlossen im Hinterhof und ist natürlich wesentlich geräumiger als ein Doppelzimmer.
Schräg über uns ist der Turm der Marienkirche zu sehen, neben dem Haus fallen zwei verfallene Wohnhäuser ins Auge. Im obersten Stockwerk sehe ich noch Gardinen am Fenster, doch da wohnt längst keiner mehr. Vor den Fenstern sind Wäschestangen montiert, doch funktionsfähig sieht das alles nicht mehr aus.
Wir werden die Altstadt erkunden und fragen nach einem Esslokal. Es gibt viel Gastronomie, die sich mit dem Attribut "Flair" schmücken könnte. Backsteingotik ist das Stichwort. Es ist zu sehen, dass es der Stadt einmal sehr gut ging. Der Handel bestimmte die Geschicke.
Wir entscheiden uns aber dann doch eher für eine uns ebenfalls empfohlene Brasserie moderneren Stils.
Es ist Samstagabend und da gehen die Stralsunder selbst gern aus. Entsprechend voll und laut ist das Lokal. Aber, so schnell es sich füllte, so schnell leert es sich auch wieder. Geht man etwas später oder an den anderen Tagen weg, so ist alles ziemlich leer. Der Gang durch die Altstadt zur St. Nikolaikirche und dem Rathaus und weiter zum Hafen fasziniert, wären da nicht die Autos, so fühlte man sich in alte Zeiten versetzt. Leider fahren die Schiffe nach Hiddensee erst ab April, die Ausflugsmöglichkeiten sind somit bis dahin ein bisschen eingegrenzt. Stralsund bietet neben dem sehenswerten Ozeaneum noch das Meeresmuseum.
Letzteres strahlt noch den DDR-Charme aus, den man auf Rügen besonders in Prora billiger genießen kann. Immerhin gibt es ein sehr schönes Self-Service-Restaurant mit Blick auf die Altstadt und das große Aquarium mit den Seeschildkröten. Zum Spaziergehen lädt die Promenade am Sund ein, die bis zum Krankenhaus führt (weiter geht es dann durch Kleingärten und über das Gelände des Berufsbildungzentrums).
Dann verläuft der Weg endgültig an der Straße und von der Küste weg. Eine weitere Route könnte am Hafen entlang zur Insel Dänholm führen, Industrieanlagen und Hafenverkehr sind aber nicht jedermanns Geschmack. Die Insel ist über die Ziegelgrabenbrücke zu erreichen, die vor kurzem noch Teil der einzigen Landverbindung nach Rügen war.
Zurück gekehrt, lässt es sich am Hafen gut essen und am Sonntag die Angler beobachten. Es sind viele Ausländer darunter und zu unserem Erstaunen werden die Fische nicht gleich nach dem Angeln getötet, sondern lebendig in einen gelben Sack geschmissen, wo sie noch eine Weile vor sich hin zappeln dürfen. Das diese Tierquälerei nicht unterbunden wird, verwundert doch sehr. Wir sollen ans Wasser gehen und nicht in die Kirchen, hat uns ein junger Mann geraten. Das haben wir auch befolgt. Er stellte fragend fest, dass Stralsund doch eine schöne Stadt sei und das kann ich ohne weiteres bejahen. Auch wenn es beim Italiener keinen Mozzarella gibt und das Eierkochen nicht immer so gut geklappt hat in unserem Hotel.

Mittwoch, 22. August 2012

2009 - I

Wieder Neujahr
Wie wird man mit einem verlorenen Gefühl fertig? Ganz einfach, gar nicht. Gefühle verliert man nicht. Sie sind Teil des Selbst, sie lassen sich nicht ausbuchen. Welchen Termin man sich auch setzen mag, er ist von vorn herein nichtig. Mit der verlorenen Liebe ist es so, wie mit einem verstorbenen Menschen, den man geliebt hat. Auch er ist nicht mehr Teil des Alltags genau wie ein geliebter Mensch, der nicht da ist oder nicht da sein will oder kann. Aber würde man behaupten, den Verstorbenen, den habe es nicht gegeben? Das wäre ein Selbstbetrug, der höchstens im Kopf funktioniert. Um vergangene Liebe trauere ich so wie um einen Toten. Es bleibt aber im Gegensatz dazu immer die Hoffnung, dass die Trauer unerwartet unterbrochen wird. Und wenn nicht, wird auch die stärkste Trauer sich einmal mindern müssen. Sie wird weniger ein Teil sein als eine schöne Erinnerung.

Dienstag, 21. August 2012

2008 - VI

Un Angelo
Ein Mensch ist traurig,
den ich mag.
Eine Liebe zweifelt,
darf nicht sein.
Gib' mir die Energie
zu schützen
und die Strategie
zu sehen,
damit sie nicht zerbricht,
die Einsicht,
los zu lassen und
gewinnen:
erst dann kann das Spiel
beginnen.

2009 - III

Verliebt in Berlin?

War ich verliebt in Berlin?
Habe ich nur laut geschrien?
Fände ich in Osnabrück
Vielleicht das ganz große Glück?
Ich weiß es nicht,
wer kann es wissen?
Was man nicht kennt,
kann man nicht missen.
Schön wäre es in Pots-
oder auch in Amsterdam.

Montag, 20. August 2012

2008 - V

Der Liebe Wege

Meine Melancholie ist nichts
als eine Lüge.
Ich trinke meine Ideen vor mir her.
Ich verrate meine Liebe,
es ist so bequem.
Ich gehe,
weil ich stark sein will.
Ich bin's nicht,
aber das wird noch.
Did not want
to offend you,
just to say: ILY.
Did not want
to hurt you,
just to express
what I feel,
it is meanless
to say and will stay.
Was Leiden schafft
ist Leidenschaft.
Teile mein Herz
in Teilchen
so schwerelos und frei..
Es is' wirklich net zu fasse,
ei der Bub, er kann's net lasse.
Er muss immer wider schreibe
von Liebe und dem ganzen Treibe.
Damit des Gedicht sein Ende find':
entreisst ihm den Stift, ganz geschwind!

Sonntag, 19. August 2012

2008 - IV

Neu Fahrland - Far away

Der Kirchberg
und die Seen pur,
die Wälder
prägen die Natur.
Wer wandert
über Brücken ein,
der findet
Wege, Lampenschein.
Steg am See
mit Tanz und Wonne,
Lichterglanz,
Gesang und Sonne,
Far away,
so weit zu fahren
nach Fahrland:
far away, so far too long.



Samstag, 18. August 2012

2008 - III

Sommerzeit
Ganz im Gegensatz zu dem Bild in den Medien ist der Mensch doch noch immer schwach und leistet bei
weitem nicht soviel wie vermittelt. Die medien zelebrieren Sieger:
Superstars und Models, die am Ende nichts weiter sein werden als ein Teil dieser Sinnestäuschungsmaschine.
Dabei leistet der Mensch durchaus viel, wenn er genügend Zeit hat.
Aber da Zeit Geld ist, das niemand hat, muss er eben pfuschen. Man nennt so etwas, Prioritäten setzen.
Wenn es eine Priorität gibt, dann ist es wohl die, nicht auf ein Leben danach zu hoffen.
Das Leben ist eine einmalige Chance, die nur dann wahr genommen werden kann, wenn jeder seine
ihm gegebenen Möglichkeiten nutzt. Ganz offensichtlich sind die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen
auf das Hier und Jetzt begrenzt. Wer mehr erkennen will als das Offensichtliche, wird daraus keinen
Nutzen ziehen, es sei denn indirekt.
Es gibt schöne Planspiele von der Hölle und vom Paradies. Doch dazu ist der Mensch nicht da.
Das Erkennen der Materie, die Eindrücke, das Gefühl, das ist es. Das bleibt, auch wenn
das Individuum davon nichts hat.
Finde alles, nur nicht deinen Style. Sonst gibt es Tränen im Bild.

Freitag, 17. August 2012

2008 - II

Spiel
Wortspiele winden
sich wiederholt wartend weiter,
jeder Satz ein Hit
mit wenigen Besuchern,
so lange bis sie
ihr Ziel erreichen und
das Original
bedeutungslos verwandeln
in Ortografie,
die schlecht verstanden genügt.

Donnerstag, 16. August 2012

2008 - I

Menuwahl
Die Gulaschstücke sahen mich an, aber sie riefen nicht: iss' mich, sondern eher:
warum gehst Du nicht einen gepflegten Hamburger essen und lässt uns in Ruhe vergammeln? Von Soße überschüttet, deren Herkunft mir völlig unbekannt war, stimmten sie mich depressiv. Ich musste weg hier von diesem GAST-Essen und anderen Leckereien, schnell raus bevor sich so etwas wie Lebergeschnetzeltes auf meinem Teller breit machen würde, möglicherweise mit einem großen Haufen Nudeln und völlig zerkochten Gemüseresten.
Vorbei am Dressing geschädigten Salaten und nicht im Preis enthaltenen Desserts sowie "Junger Mann" - rufendem Kassenpersonal, das zuweilen jungen Frauen kostenlose Zugaben zu billigt, und heraus aus der freien Menüwahl. Sollte ich es wagen, mir an einem Bratwurststand ein verbranntes Exemplar auf die Glasplatte legen zu lassen und dazu ein zu lange gebranntes Brötchen probieren? Oder wähle ich lieber ein frisch zu bereitetes Fischbrötchen, vom Mitarbeitern, die anerkannter Maßen in hygienischen Dingen geschult wurden und daher statt Handschuhe zu tragen, sich regelmäßig die Hände mit einer desinfizierenden Lotion waschen? Oder lasse ich mir liebevoll in einer Filiale einer Fast-Food-Kette ein paar Pommes auf das Papier legen , wo auch mein Wechselgeld schon ist
Nein. Ich beobachte lieber die backenden Minijobblerinnen, schlendere an einer großen Glutamatschleuder namens Asia Imbiss vorbei und stelle mir vor wie mir alternativ ein Fleischkäsebrötchen vom Metzger, eingehüllt von schleimigen Essigketchup mit lauter hochgestellten Zahlen meine Speiseröhre herunter gleitet, in meinem Magen ein wohliges Entsetzen auslöst, das in stundenlangem Nachgeschmack vor sich hin durstet. Als Nachtisch käme ein leckerer frisch aufgebackener Schoko-Muffin in Betracht, von dem mir spätestens nach zwei Stunden herrlich schlecht wird und dessen Verzehr mit einem ähnlichen Durchfall belohnt wird, wie ich ihn von einer braunen Spaghetti Bolognese auch gern bekommen würde. So kehrte ich in die Isolation meines gewöhnlichen Büroalltags zurück, unter Verzicht auf alten Kuchen und zu lange gelagerte Negerküsse, und gab mich dem Genuss von biologisch angebauten grünen Tee hin in der Gewissheit, dass das hastig verschlungene Lakritz auch gut gegen den Magen sein würde.

Mittwoch, 15. August 2012

2006 - VII

Deswegen frage ich.

Kaum hat man Wolfsburg, dieses städtebauliche Kleinod der Dreißiger Jahre mit dem ICE verlassen, braust man ein bisschen durch die heideähnliche Landschaft und findet sich in Berlin-Spandau wieder. Erst tauchen da ein paar Einfamilienhäuschen-Siedlungen auf, plötzlich ist da Bahnhof. Spandau, ein Stadtteil von Berlin, so groß wie mancherorts manch stolzes Städtchen, hat natürlich alles, was de so brauchst, vor allem Einkaufsmöglichkeiten.
Weiter rollt der Zug durch den Bahnhof Zoo, nachdem er den Grunewald zur einen und die Messe zur anderen Seite passiert hat, zum neuen Hauptbahnhof . Das Wolfsburger Thema aus rotem Backstein und neuen Gebäuden aus viel Glas und Beton wird in Berlin wieder aufgenommen. Frage mich, wann hier die ersten Verzweifelten in die tiefen Abgründe fallen, die sich zwischen den einzelnen Ebenen dieses Monuments unserer Staatsbahn auf tun.
Sicher soll das alles luftig, frei und transparent wirken. Wofür der Bahnhof gebaut wurde, wird aber schnell klar. Der am schnellsten erreichbare Ausgang führt geradewegs zum Regierungsviertel. Mit dem Köfferchen kommste bequem über den Vorplatz zur Brücke über die Spree und dann ab ins Büro. Egal ob Kanzleramt oder Abgeordnetenhaus, alles wirkt in Sichtbetonbauweise provisorisch und man fragt sich, wie lange es wohl dauern mag, bis diese Gebäude abgebrochen werden, um was richtiges zu bauen. Dem Erich sein Lampenladen musste ja auch dran glauben. Aber Backsteine, die gibt es ja auch noch in Berlin.
Überall stehen sie noch herum die alten Häuser. Die Charité verscherbelt gerade so einiges.
Und es gibt noch mehr Stein, besser gesagt Basaltstelen: das Holocaustdenkmal. Es steht an einer Stelle, an der gerade Platz für noch weitere schöne Apartmenthäuser gewesen wäre.
Das war vielleicht 'nen Ärger, dass es ausgerechnet da hin gebaut wurde. Aber keine Sorge, am Potsdamer Platz war noch genug Platz für Stein, Beton und Glas. Da ist das Hochhaus der Deutschen Bahn, das Sony-Center und das Daimler-Chrysler Haus. Auf letzteres darf sogar hochgefahren werden. Die Treppenhäuser allerdings sind nur im Notfall zu benutzen.
Vieles ist sehr groß in Berlin, vor allem die Fläche. Manches dagegen wirkt unscheinbar. Das Brandenburger Tor zum Beispiel oder noch kleiner der Checkpoint Charlie. Der ist völlig vermauert mit Andenkenläden und Museum. "You're leaving the American Sector", das war einmal und ist nicht mehr. Selbst die Kunst vermarktet die ehemaligen Symbole und malt Bilder darüber. Und doch ist diese Stadt so urdeutsch mit ihren alternativen Geschäftsideen.
Man wartet bei Rot noch an der Ampel, man quert die Alleen am Übergang und man rüpelt sein Recht als Fahrradfahrer durch, auch wenn man dabei Touristen anfährt.
Tja und dann der Osten, diese Dauerbaustelle. Klar, da gibt es keine so schönen miefigen Cafés wie im Westen, in Tegel etwa. Dafür alles andere noch etwas günstiger und mehr. In Weißensee hängt an einem Haus eine Gedenktafel. "In diesem Haus wurden 1943 sieben jüdische Familien deportiert. Vergesst sie nie!" Wann diese Inschrift wohl angebracht wurde?
Neben dem Geschichtsunterricht gibt es auch handfeste Vorteile, Mürbestreusel beim Bäcker etwa.. Wir laden uns noch drei Stücke Streusel (im Angebot) dazu auf. Die Verkäuferin meint, sie fragt besser noch einmal nach, weil das vielleicht ein bisschen zu viel für uns ist und sie uns dann ein Stück einpacken will.

Dienstag, 14. August 2012

Nett

Nettsein ist in Deutschland immer zweckgebunden. Wenn jemand richtig nett ist, ist er verdächtig. Da lauert das Misstrauen. Der/die will doch was? Was will er/sie denn?

Darum wundern sich die Deutschen im Ausland auch immer, wie nett alle sind.
Denn Nettigkeit ist nichts, wofür man in Deutschland aufsteht.
Dabei ist Nettsein essentiell wichtig für das Zusammenleben. Aber der Deutsche will auch nicht zusammen leben, genauso wenig wie einfach so Platz machen.

Allenfalls prinzipiell kann ein Deutscher nett sein, Kinder zum Beispiel werden gern blöd angelächelt. Randgruppen können prinzipiell netter behandelt werden. Und zum Boss ist man natürlich ebenso prinzipiell sehr nett.

Aber da ist man eben auch nicht so richtig nett. Oder?

Weiter geht es mit meiner eigenen kleinen und netten Historie.

Montag, 13. August 2012

2006 - VI

I came in from Metallica zappin'

Keinen Besuch mehr
sagt der Mann,
wünscht er sich, was soll
es bringen,
Zeitreiter ihre
Sense schwingen.
Die Ernte ist gut,
die Zeiger
singen die Strophe
der Einkehr
in Heimatdingen.

Sonntag, 12. August 2012

2006 - V

Timeless

Man könnte ja warten, aber stattdessen sticht einem der heiße Atem in den Nacken, fliegen Türen auf, werden Taschen geworfen, Schuhe auf den Boden geschmissen. Der Vordermann sitzt im Kofferraum, die Scheinwerfer versenkt, lassen dein Nummernschild erstrahlen. Von hinten schießen sie rechts und links oder laufen quer vorbei. Die Zeitmonster sind wieder unterwegs, sie schwitzen und hupen, sie grölen und tuten, sie stolpern die Rolltreppe hinab, hasten leichtfüßig herauf. Sie haben keine Zeit und sie nehmen sie dir. Ich muss zum Zug, bitte sehr! Kein Blick zurück und keiner auf morgen, nur im Moment, da quälen sie Sorgen. Wie kann ich es schaffen, ich muss was erreichen, es ist die Uhr, die will nicht weichen. Keine Zeit sie zu verstehen, das Drehen der Zeiger sich anzusehen. Und sollte dereinst das Jagen doch enden, so ist die Uhr bei Zeiten zu Ende. Die Ewigkeit ist still und nicht zu sehen,
doch das haben sie vorher übersehen.

Samstag, 11. August 2012

2006 - IV

Fünfundzwanzig

Du ahnst, dass der Tag kommt.
Fragst Dich, warum schon wieder,
weißt nichts, damit anzufangen.
Du siehst Lichter, Dein Kopf ist besetzt
von Alp- und Wunschträumen.
Du gibst es auf, zu verstehen und schließt die Augen.
Irgendwie schaffst Du es aufzustehen und
setzt Dich gleich wieder im Schneidersitz hin.
Wie spät ist es überhaupt ?
Du stierst ins Leere, brauchst kaltes Wasser
für dein Gesicht.
Willst wach bleiben und
Fragst Dich, wie lange Du das schaffst.
Sollte mehr versuchen,
was von mir preisgeben,
mich öffnen, das Handtuch fallen lassen?
Aber ich merke, dass mir Schlaf fehlt.
Der Raum vibriert, versinkt tief.
Will noch etwas sagen,
Gehe zum Fenster, sehe das Licht
und warte auf den Beginn des Tages.

Freitag, 10. August 2012

2006 - III

Irgendwann

fing die Unruhe an,
als das Drehen
der Räder begann.
Irgendwann werden
Zahnräder enden
nicht mehr greifen,
den Zeiger nicht
wenden.

Donnerstag, 9. August 2012

2006 - III

Unfähigkeit
hilft,
denn der Mensch befaßt
sich nur mit Dingen,
mit denen er nicht fertig wird.
Er reagiert und das kann
Kunst sein.

Mittwoch, 8. August 2012

2006 - II

Valentina Ways

Sie lacht mich so an,
ist adrett.
Genieße es und
sehe sie
an, sie steht vor mir,
bin befangen.
Sie weicht nicht zurück,
spitzt zur Tür,
es ist jemand da,
doch nicht hier.
Ich bin gegangen.

Dienstag, 7. August 2012

2006 - I


Man soll nicht sterben,
bevor man tot ist.
Es ist immer das Gleiche.
Das Jahr ist zu Ende und man denkt,
es geht nicht weiter.
Doch so wie im Frühjahr die Pflanzen austreiben,
so beginnt wieder ein neuer Jahreslauf,
obwohl sich eigentlich nichts ändert.
Das Alter bietet den Vorteil,
jedes Jahr immer bewußter erleben zu können,
den Neubeginn der Natur immer mehr zu schätzen.

Montag, 6. August 2012

2005 - XII

Das soll es gewesen sein.

Das soll es nun gewesen sein. Ich habe dem Geschriebenen nichts mehr hinzuzufügen.
Freunde, Bekannte und Verwandte werden es nicht verstanden haben, warum ich so eine Site mache oder sie werden sie gar nicht kennen. Denn an die große Glocke habe ich das nicht gehängt. Meine Feinde, so ich welche habe, werden ihre Munition gesammelt haben. Aber der größere Teil wird meinen Geschreibsel neutral gegen über gestanden haben. Wie auch immer, letzteres ist sowieso das Beste, was einem passieren kann. Es ist z.b. nicht angenehm, Anrufe zu erhalten, die einen dazu auffordern, eine Verlinkung zu entfernen Da ich das Schlüsselwort Charts für Musikcharts in die Suchmaschinen eingegeben habe und jemand dann vermutete, ich würde in Konkurrenz zu dessen Onlineangebot Kurscharts für Aktien etc. anbieten, musste ich den Link auf besagtes Onlineangebot entfernen. Das Schlüsselwort habe ich auch gleich mit entfernt. Man sieht dann, was die Welt wirklich bewegt: der Verlauf des Geldes.

Wie auch immer, ich habe diese Texte für mich geschrieben. Sicher werde ich weiterhin einzelne Seiten vervollständigen. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer neue Ziele setze, auch wenn die alten noch nicht erreicht sind. Ich wurstele eben gern getreu dem Motto: der Weg ist das Ziel. Manch einer mag sich über die Kühle, ja Kälte meiner Texte und das fragmentarische Skelett geärgert haben. So ist es nicht. Es gibt immer zwei Seiten jeder Medaille. Wenn eine Familie mit wenig Kontakt nebeneinander her lebt, so heißt das nicht, dass sie sich nicht liebt. Vielleicht mag man seinen eigenen Traum des Lebens am liebsten und möchte ungern von wem auch immer gestört werden.
Ich muss das nicht alles beschreiben, denn andere können es besser. Sehr gut ausgedrückt finde ich mein Lebensgefühl in einem Gedicht des Heimatdichters Max Dreyer weder. Das spiegelt diese Mischung aus Schwermut und Lebensfreude wieder, die mich treibt. Es ist das Lied, was in mir spielt.

Ji segt, ick bün olt...
Ji segt, ick bün olt un gries wad mien Hoor -
is jo nich wohr!
Dörch de Feller striep ick,
denk nich an de Tied,
wat ick bruuk, dat griep ick,
Morgens is noch wiet.
Denken geiht doneben,
hüest, dat is mien Holt -
de all morgen leben,
sünd in vörut olt.
Ick lew hüet - un warm
schient up mi de Sünn,
dat ick juchz un larm,
luershals, wiel ick bün!
All dat Singen, Bloihen,
all de Duft, de Schien -
wur ick mi an freuen
moet, dat is ook min!
Dorch de Feller striep ick,
mi gehürt de Tied,
wat ick bruuk, dat griep ick,
un de Welt is wiet,
un de Welt gehürt mi,
de gehürt uns Jungen -
glöwst, da Bääk de stürt mi?
Dor wad röwer sprungen!
Wierer, wierer ümmer -
hei de dralle Diern!
Dor gah`k nich üm rümmer -
mien, wat nah un fiern!
Hark un Henkpott grögt es,
denn se kümmt vont Heuen,
un to`n Küssen dögt se,
denn ehr Lippen bloihn,
As`n Pahl so fast
stell`ck mi vör ehr hen,
lad se in to Rast,
as wenn`ck lang se kenn:
"Legg doch mal, mien Puting,
Hark un Henkpott dahl!
Du büst mien lütt Snuting,
un ick bün - keen Pahl!"
Un se dheet`t. De Strähnen
wischt se ut de Stiern,
lacht mit blanke Tähnen,
und ehr Oogen pliern.
Bruuk sich nich besinnen,
fragt nich, wat ick will -
lehnt den Kopp nah hinnen,
un hölt still - hölt still...
Ji segt, ick bün olt un gries wad mien Hoor -
is jo nich wohr!

Sonntag, 5. August 2012

2005 - XI

Mutter

Du drehtest dich weg und hattest die Kraft nicht mehr.
Dein Lachen war berühmt.
Du konntest das Leben nicht erwarten.
Dein Lachen ist unvergessen.
Du warst so still und doch so laut.
Du hast bekommen, was Du wolltest.
Du sagtest zu mir, das wird schwer.
Du fragtest mich, wann ich wieder komme.
Du wolltest nicht in ein Krankenhaus.
Dein Lachen war beliebt.
Dich habe ich gehört und nicht gesehen.

Samstag, 4. August 2012

2005 - X

Hiddensee, was wollen Sie da? oder: Die doppelte Verneinung

Der Roland-Express, ja der ist schon ganz niedlich gemacht. Die Insel Hiddensee ist nur eine flache Insel. Die Dame an der Rezeption meinte immerhin, dass das Wetter ganz schön werden würde und man dann zum Königstuhl fahren solle. Sie sagte ja nicht, dass der Roland-Express sich nicht lohnt, nein im Gegenteil, er ist ja ganz niedlich. Sie sagt erst recht nicht, dass das Ganze Blödsinn ist. Wer nach Bergen fährt, wird lernen müssen, zwischen den Zeilen zu lesen. Zuviel reden die Menschen hier nicht. Aber sie sind hilfsbereit. Bushaltestelle? Kein Problem. Überhaupt die Busse, sie fahren pünktlich. Das zum Fahrplanwechsel gleich die Liniennummern wechseln, muß man wissen. Das es nicht genügend Fahrpläne zur Verteilung in den Bussen gibt, ist etwas anderes. Ist eher ein Problem für die einheimische Bevölkerung. Die Pommern sind freundlich, aber sie drängen ihre Freundlichkeit niemandem auf. Oberflächliche Schauspielkunst ist hier nicht gefragt. Zurückhaltung wird nicht übel genommen und kleine Gesten zählen. Wenn die Pommern reden wollen, dann reden sie. Und sie stehen Rede und Antwort, wenn sie gefragt werden. Sturheit gibt es an dieser unangebrachten Stelle nicht. Kurz, man erfährt etwas, wenn man etwas erfahren will, sonst nicht.


Das die Uhr in Bergen (die Kirchturmuhr) einundsechzig Minuten hat, ist einem Urlauber, der auf seine Frau wartete, aufgefallen. Seither ist sie eine Berühmtheit, die nicht jeder bemerkt. Die Handwerker hatten jedenfalls gemeint, so eine einundsechzigste Minute schadet nicht und ihr Problem auf diese Weise behoben. Der Pommer hat die Ruhe, Mißgeschicke zu verkraften und darüber zu schmunzeln. Aber es klappt ja eigentlich alles. Die Busse treffen sich immer wieder aus dem Wendeplatz in Serams. Außer dem Wartehäuschen gibt es da kaum etwas. Der "Rasende Roland" schnauft ab u8nd zu vorbei, aber lange wartet man hier nicht auf den Umstieg nach Bergen, Sassnitz oder Klein-Zicker. Es ist schön, dass die Dinge ohne großes Spektakel einfach funktionieren. Aufpassen muß man nur in manchen Hotels. Das Personal kennt nicht immer die Gegend, über die es angeblich Bescheid wissen soll. Hiddensee, was wollen Sie da?
Die Hoteliers der Insel sind sich aber einig. Sie treffen sich jedes Jahr in Binz zum Saisonbeginn und nehmen ein Bad in der kalten Ostsee. So manch einer kann nicht schwimmen und geht trotzdem hinein.